ch6,2 a seite 80 Das Diagram gibt Auskunft darüber, die Nutzung von Apps dem Bereich digitale Gesundheit. Mehr als ein Viertel der Befragte nutzen Apps, um Rezepte zur gesunden Ernährung zu finden. An zweiter und dritter Position stehen die Suche nach medizinischen Informationen und medizinischen Einrichtungen. Nur wenige nutzen Apps mit dem Fitness-Zweck oder Kalorienzähler.
Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, eine strikte Trennung zwischen realen und virtuellen Kontakten vorzunehmen?
Sollten Cafes und Restaurants ihren Gästen einen kostenlosen WLAN-Zugang anbieten?
Finden Sie es unhöflich, wenn jemand im Gespräch mit anderen Menschen auf sein I ihr Smartphone schaut?
Halten Sie es für wichtig, möglichst viele Online-Kontakte zu haben und zu pflegen?
Schreiben Sie einen argumentativen Text zu den Bemühungen von Gastronomen, ihre Gaststätten als Orte für reale Begegnungen zu vermarkten. Wägen Sie dabei Vor- und Nachteile ab und beziehen Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit ein. Fassen Sie am Ende Ihre Ergebnisse zusammen
Jeder Mensch ist für seine Gesundheit selbst verantwortlich. Es ist zu einfach, dem Arbeitgeber die Schuld an psychischen Erkrankungen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu geben
2.7
47 Ob es die Aufgabe des Staates ist, überall günstigen Wohnraum für Studenten zu schaffen? Einer solchen Forderung kann ich nichts abgewinnen. Man sollte doch bedenken, dass die jungen Menschen, die jetzt ein Studium absolvieren, später mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den Besserverdienenden gehören werden. Denn bei Akademikern liegt die Erwerbslosenquote auf einem relativ niedrigen Niveau, und man liest immer wieder über die ständig steigende Nachfrage nach Arbeitnehmern mit akademischer Ausbildung. Studentinnen und Studenten können also mit guten Berufsaussichten rechnen. Daher kann man durchaus verlangen, dass sie etwas in ihre eigene Zukunft investieren und zum Beispiel marktgerechte Mieten zahlen – auch wenn sie deswegen vielleicht einen Studienkredit aufnehmen müssen. Sie werden später sicher genug verdienen, um ihre Schulden problemlos zurückzahlen zu können.
48 Ich kann es gut nachvollziehen, dass die Studentenwerke höhere staatliche Zuschüsse für günstiges Wohnen fordern. Denn hohe Mietkosten treffen am stärksten einkommensschwache Familien. Es ist eher eine Ausnahme, dass Studenten eine Eigentumswohnung besitzen, in der sie während ihrer Studienzeit wohnen können. Und nicht immer können sie damit rechnen, dass die Familie problemlos die Miete bezahlen kann – obwohl das für Studenten natürlich ein großer Vorteil ist. Denn sie brauchen dann nicht nebenher zu arbeiten, um sich das Wohnen zu finanzieren. Doch Kinder aus bildungsfernen Schichten sind meistens auf Nebenjobs angewiesen. Dabei haben sie es ohnehin schon schwer genug. Man hört doch immer wieder, dass die soziale Herkunft über den Bildungserfolg mitentscheidet. Wenigstens sollten die finanziellen Hürden nicht schwer zu überwinden sein. Zu hohe Wohnkosten tragen zusätzlich dazu bei, Kinder aus einkommensschwachen Familien von der Aufnahme eines Studiums abzuhalten. Günstiger Wohnraum könnte dagegen eine Motivation sein.
49 Sicher, für Studenten hat sich die Wohnraumsituation in den letzten Jahren verschärft, weil die Mieten und Lebenshaltungskosten stark gestiegen sind. Sie haben es mitunter wirklich schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Deshalb fordern Studentenvertreter immer häufiger, dass der Staat neue Förderprogramme für Studentenwohnungen entwickelt und so bezahlbaren Wohnraum schafft. Allerdings bin ich der Meinung, dass es gar nicht immer eine teure Einzelwohnung sein muss, denn es gibt auch andere Lösungen. Die Universitäten bieten günstige Wohnheimszimmer an – schon ab 200 Euro im Monat. Die Plätze sind zwar sehr begehrt, und man muss sich früh anmelden, wenn man einen ergattern möchte, aber immerhin besteht die Möglichkeit. Und wenn es mit dem Wohnheim nicht klappt, gibt es noch Wohngemeinschaften. Wenn sich Studenten zusammenschließen und gemeinsam eine Wohnung mieten, entlastet das ihr oft recht knappes Budget, da sie sich die Grundkosten teilen können. Dadurch wird das Wohnen schon um einiges günstiger.
50 In Deutschland verzichten die staatlichen Universitäten darauf, Studiengebühren zu erheben. Die meisten deutschen Universitäten und Hochschulen werden nämlich vom Staat finanziert. Die Studenten müssen lediglich für den sogenannten Semesterbeitrag aufkommen. Dieser ist von Uni zu Uni verschieden und bewegt sich zwischen 150 und 250 Euro pro Semester. Maximal 250 Euro also, die ausreichen müssen, um die Verwaltungskosten abzudecken und Sportanlagen, Mensen und Wohnheime zu finanzieren. Dass damit nicht der komplette Universitätsbetrieb unterhalten werden kann, liegt ja wohl auf der Hand. Meistens kann man mit dem Studentenausweis in der näheren Umgebung der Universität auch noch gratis Bus und Bahn fahren. Bund und Länder stecken Jahr für Jahr Milliarden in die Ausbildung von Studenten. Da sollte man doch annehmen, dass diese wenigstens für ihre Miete selbst aufkommen können.
51 Ich denke, dass es im Interesse einer Stadt liegt, wenn ihre Universitäten und Hochschulen Studenten und Dozenten anziehen. Denn eine gute Universität trägt viel zum Ansehen einer Stadt bei. Um sich als Universitätsstandort in ein gutes Licht zu setzen, sollten die Städte dazu beitragen, Hindernisse wie zum Beispiel hohe Mieten abzubauen. Außerdem sind Universitäten ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor. Denn einerseits schaffen sie Stellen, andererseits geben auch die jungen Leute viel Geld während ihres Studiums aus und stärken so den lokalen Handel. Deshalb sollte es einer Stadt wichtig sein, dass es für Studenten erschwinglichen Wohnraum gibt. Ich denke, dass Städte selbst tätig werden und hier investieren sollten. Auf lange Sicht gesehen kommen solche Investitionen der gesamten Stadt zugute. Hier sind die Akteure der lokalen Politik gefordert.
52 Ein Freund von mir sucht gerade eine Bleibe in München: 13 Euro kalt pro Quadratmeter – also, das sind schon stolze Preise! Auch in anderen Städten wie Frankfurt, Hamburg, Stuttgart oder Heidelberg sollen die Mieten für Studenten fast unbezahlbar sein. Dort liegen die Quadratmeterpreise überall bei mehr als zehn Euro. Na ja, ich denke mir, wenn man sich eine der teuersten Städte Deutschlands als Studienort aussucht, darf man sich eigentlich nicht wundern. Schließlich ist schon lange bekannt, wie angespannt der Wohnungsmarkt dort ist. Andererseits kann ich auch verstehen, dass man die Wahl des Studienorts nicht nur von den Mieten abhängig machen möchte. Doch ganz vernachlässigen sollte man den Faktor Wohnraum meiner Ansicht nach nicht. Es gibt sehr gute Universitäten in Städten, die auch bezahlbare Wohnungen bieten.
53 In dieser Hinsicht – wie übrigens auch in vielen anderen Fragen – würde ich mir etwas mehr Engagement von privater Seite wünschen. Schauen Sie, es gibt doch viele Akademiker, die finanziell sehr gut gestellt sind – alles ehemalige Studentinnen und Studenten. Könnte man nicht erwarten, dass solche Menschen einen Beitrag dazu leisten, die Wohnungsnot der jungen Leute zu lindern? Sie erinnern sich doch sicher noch an ihre eigene Studienzeit. Wenn sie selbst eine Mietwohnung besitzen, könnten sie diese doch zu einem günstigen Preis an Studenten vermieten. Dann sind da noch die Unternehmen, die später von den gut ausgebildeten jungen Leuten profitieren werden. Für sie wäre die Förderung von Studenten meiner Meinung nach eine überdenkenswerte Investition. Verbände, private Stiftungen – ach, da gäbe es noch so viel.
54 Der Gesellschaft muss die Bildung ihrer Bürgerinnen und Bürger etwas wert sein. Das heißt nicht unbedingt, dass die Politik gezielt mehr Geld für Wohnheime oder Mietzuschüsse in die Hand nehmen muss. Aber der Staat könnte zum Beispiel die Vergabe zinsloser Studiendarlehen erleichtern. Es ist gut, dass mithilfe der verschiedenen Formen der Ausbildungsförderung auch Kinder von Eltern mit geringem Einkommen studieren können. Doch das Angebot allein reicht nicht aus, sondern es muss auch so gestaltet sein, dass die finanzielle Unterstützung in einem vernünftigen Zeitraum und unter annehmbaren Bedingungen zurückgezahlt werden kann. Was nützt es, wenn zwar während des Studiums Hilfe geboten wird, die Absolventen aber dann ihre Schulden nicht ohne Unterstützung der Familie zurückzahlen können? Hier brauchen wir großzügige Regelungen im Sinne der Studenten.
2.8 Liebe Hörerinnen und Hörer, Tausende von Studentinnen und Studen ten leiden unter Legasthenie, also einer Lese- und Rechtschreibstörung. ln der Rechtsprechung zum Prüfungsrecht wurde Legasthenie als eine Behinderung bestätigt. Nach dem Grundsatz der Chancengleichheit steht den Betroffenen damit ein sogenannter Nachteilsausgleich zu. Über dieses Thema spreche ich heute mit Professor Tiemo Grimm. Tiemo Grimm ist Seniorprofessor am Institut für Humangenetik der Universität Würzburg. Bereits seit Jahrzehnten forscht er zum Thema ,Legasthenie“, von der er selbst sow1e auch viele Familienmitglieder betroffen sind. Herr Grimm, Sie stammen aus einer Legasthenikerfamilie. Wann wurde die Behinderung bei Ihnen diagnostiziert? Als sie auch bei meinem ältesten Sohn diagnostiziert wurde, da war ich bereits 46 Jahre alt Ich hatte natürlich schon zu Schulzeiten große Probleme mit Lesen und Schreiben gehabt, aber damals wusste niemand, was ich haben könnte - ich galt als einseitig begabt. Das war allerdings mein Glück, denn weil ich in den mathematisch naturwissenschaftlichen Fächern so gut war, wurde ich trotz meiner Lese- und Rechtschreibprobleme akzeptiert. Wie haben Sie Lesen und Schreiben gelernt? Damals lernte man das Schreiben mit der Ganzwortmethode, das war für mich jedoch hoffnungslos. Also hat meine Mutter mir das zu Hause mit der Buchstabiermethode beigebracht - dafür bin ich ihr bis heute sehr dankbar. Trotz harter Arbeit habe ich aber zwei Jahre in der Schule verloren. Zuerst bin ich beim ersten Versuch wegen einer Sechs im Diktat durch die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium gefallen, später, als ich die Aufnahme geschafft hatte, musste ich hauptsächlich wegen Englisch, Latein, Altgriechisch und Deutsch in der Mittelstufe eine Klasse wiederholen. Wie hat Sie die Legasthenie auf dem Weg zum Abitur beeinträchtigt? Meine Rechtschreibung war grauenhaft und ich hatte große Probleme beim Lernen von Vokabeln. Ich wusste zwar immer, an welcher Stelle im Buch das Wort stand, aber nur selten, was es bedeutet. Den Abschluss habe ich mit einer einfachen Strategie geschafft: in den sprachlichen Fächern habe ich mich ständig für Referate gemeldet und dadurch meine schlechten schriftlichen Leistungen ausgeglichen. Am Ende hatte ich dann in allen mathematisch naturwissenschaftlichen Fächern Einser und in den Sprachen Vierer. Im Studium dürften Sie auch Probleme bekommen haben, oder? Kaum, da ein Großteil des Medizinstudiums in den ersten Semestern rein mathematisch-naturwissenschaftlich aufgebaut war und wir zudem fast nur mündliche Prüfungen hatten. So habe ich in der kürzestmöglichen Zeit, und weitgehend ohne etwas schreiben zu müssen, Medizin studiert. Meine Doktorarbeit war komplett mathematisch ausgerichtet, Formeln zu schreiben macht mir überhaupt keine Schwierigkeiten. Und für den kleinen Rest hatte ich gute GegenIeser.
Können Sie heute ohne größere Probleme schreiben? Nein, Legasthenie verfliegt ja nicht. Ich habe eine große Schreibhemmung und vermeide es, handschriftlich längere Texte zu schreiben. Auf dem Computer ist es dank der Korrekturprogramme nicht ganz so schlimm. Dafür habe ich meiner Behinderung wegen schon früh gelernt, Vorträge frei zu halten, was mir in meinem Beruf als Hochschullehrer später sehr geholfen hat. Eine universiärere Laufbahn bedeutet auch, Erkenntnisse zu publizieren. Wie haben Sie das gelöst? Solche Publikationen entstehen ja im Team. Da war es in der Formalgenetik immer meine Aufgabe, die mathematischen Grundlagen zu erarbeiten. Den schriftlichen Teil haben oft Kollegen übernommen. Wie haben Sie herausgefunden,dass Sie nicht der erste Legastheniker in Ihrer Familie sind? Es war bekannt, dass viele meiner Vorfahren nicht gut schreiben konnten. Als Humangenetiker hat mich das natürlich interessiert ich wollte wissen, ob die Legasthenie einen genetischen Ursprung hat. Also habe ich erhaltene Tagebücher und Briefe meiner Eitern, Großeltern und sogar einer Urgroßmutter aus unserem FamilienarchiV herausgesucht. Dort war teilweise auf einer Seite dasselbe Wort dre1mal unterschiedlich geschrieben, ein eindeutiges Legastheniker problem. in der Folge habe ich versuch• herauszufinden, wie sich die Behinderung in meiner Familie vererbt hat. Zusätzlich habe ich frühzeitig Blutproben vieler Familienmitglieder genommen für den Fall, dass die Molekulargenetik einmal so weit sein wird, die Vererbung genauer zu entschlüsseln. Drei Ihrer sechs Kinder sind Legastheniker. Wie ist deren Bildungskarriere verlaufen? Der damals noch gültige Legasthenie-Erlass in Bayern war für die Schulen nicht bindend und auch nur bis zur sechsten Klasse gültig. Für Betroffene, also auch für meine Kinder, war es so kaum möglich, irgendeinen Nachteilsausgleich zu bekommen. Die Lehrer hat das zu dieser Zeit nicht nur kaum interessiert - sie haben die Schüler teils richtiggehend gequält. Ohne die Hilfe der Kinder- und Jugendpsychiatrie hätten meine Kinder das gewiss nicht seelisch gesund überstanden. Ein Arzt hat uns dann geraten, auf ein Internat mit speziellem Förderprogramm für Legastheniker zu wechseln. Und da wurde dann alles besser? Dort wussten alle Lehrer und Schüler über die Behinderung Bescheid, Legasthenie war etwas ganz Normales. Dieses Umfeld hat den Kindern psychisch unwahrscheinlich gut geholfen, sie sind bis zum Abitur dort geblieben. Ein Problem war nur die Finanzierung, denn so üppig ist ein Professorengehalt nun mal auch nicht Aber sie müssen doch vom Sozial- oder Jugendamt finanzielle Unterstützung bekommen haben? Die erste Anfrage dazu hat das Jugendamt abgelehnt mit der Begründung, ich wolle meine dummen Kinder doch nur auf einfachere Schulen schicken.
Die wollten nicht akzeptieren, dass das eine Behinderung 1st und die Kinder einen Rechtsanspruch auf Eingliederungshilfe haben. Also habe ich meine Forschungstätigkeil auf die Legasthenie konzentriert und mithilfe eines Anwalts geklagt. Und gewonnen. Ja, dadurch war das Jugendamt gezwungen, die Finanzierung des Internatsbesuchs für ein Jahr zu übernehmen. Nach diesem Jahr habe ich einen neuen Antrag gestellt - und der wurde wieder abgelehnt. Die wollten das Urteil einfach nicht wahrhaben. Also bin ich wieder vor Gericht gezogen und habe wieder gewonnen. So ging das zehn Jahre lang, jedes Jahr aufs Neue. Eine unsägliche Verschwendung von Steuergeldern, denn bei jedem verlorenen Verfahren hat das Amt Ja auch die Kosten für meinen Anwalt tragen müssen. Während des Medizinstudiums Ihres ältesten Sohnes sind Sie erneut wegen seiner Legasthenie vor Gericht gezogen. Wir haben damals eine Zeitverlängerung für meinen Sohn bei der schriftlichen Prüfung innerhalb seines Physikums erstritten - daraus wurde ein Grundsatzurteil für den Umgang mit Behinderung im Studium. Mein Sohn hatte damal seinen Antrag auf Nachteils ausgleich bei der Universität gestellt und um eine Stunde Schreibverlängerung für die beiden je vierstündigen Multiple-Choice-Prüfungen gebeten. Er hatte sogar seinen Schwerbehindertenausweis vorgelegt den er wegen der Legasthenie hat Das Prüfungsamt hat trotzdem abgelehnt. Mit welcher Begründung? Ein Arzt müsse schnell lesen können und dürfe außerdem nicht behindert sein. Hanebüchen war das. ln erster Instanz hat das Gericht trotzdem der Uni recht gegeben, in zweiter Instanz haben wir dann aber gewonnen. Ich konnte erstens nachweisen, dass schnelles Lesen nicht Prüfungsinhalt nach der medizinischen Zulassungsordnung ist Und zweitens glaubhaft machen, dass es kaum einen medizinischen Notfall geben dürfte, bei dem es meinem Sohn zum Nachteil gereicht dass er etwas langsamer liest. Er hat die Prüfung dann ohne Schwierigkeiten bestanden. Herr Grimm, Sie sind nun 70 Jahre alt. Wie hat sich Ihre eigene Legasthenie in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt? Wenn Sie eine Verbesserung vermuten, muss ich Sie enttäuschen. Ich war und bin sehr froh über die digitale Technik, die mir als Legastheniker viele Peinlichkeiten erspart Und sehr wichtige schriftliche Dinge lies; entweder meine Frau oder ein Mitarbeiter im Institut gegen. Hat sich die Akzeptanz gegenüber Legasthenikern in den vergangenen Jahrzehnten verbessert? Absolut. Die weltweite Forschung und der Nachweis, dass Legasthenie genetische Ursachen hai, haben viel geholfen. Die Intelligenz ist bei Legasthenikern genauso normal verteilt wie im Rest der Bevölkerung. Zum Glück wissen mittlerweile die meisten Menschen: Ke1n Legastheniker ist per se dumm oder schuld an seinem Handicap, das ist einfach Schicksal und Genetik. Vielen Dank, Herr Professor Grimm.
2.9 Also noch einmal herzlich willkommen zu unserem Tag der offenen Tür. ln der letzten Vorstellung haben wir einiges über Chemie gehört Chem1e gehört zu den exakten Wissenschaften, also zu jenen Wissenschaften, die messbare, überprüfbare Ergebnisse liefern. Thema der folgenden Präsentation ist nun eine Fachrichtung, die gemeinhin als das genaue Gegenteil einer exakten Wissenschaft angesehen wird, nämlich die Philosophie. Über dieses Fach und über die Freuden und Leiden einer Philosophiestudentin erzählt nun Elsbeth. Bitte sehr. Hallo. Ja, wie gesagt ich heiße Elsbeth und beginne im nächsten Semester mit dem Master-Studium in Philosophie. Um es gleich vorwegzunehmen: Leid habe ich in meinem Studium bisher wenig er fahren, höchstens in Form der Vorurteile, denen wir Studentinnen und Studenten der Philosophie manchmal begegnen. Aber davon später. Das erste Wort, das ich mi t dem Begriff ,Philosophie’ assoziiere, ist in der Tat ,Freude’. Nicht die Freude an jedem einzelnen philosophischen Text, auch nicht die Freude an jeder Lehrveranstaltung, nein, das wäre gelogen. Aber wenn mich jemand fragt, warum ich Philosophie studiere, sage ich immer: aus Freude am Denken. Das ist für mich eine grundlegende Voraussetzung, um ein Philosophiestudium aufzunehmen. Diese Freude bezieht sich zuerst einmal auf das Denken anderer, nämlich der großen Denker vom Beginn der europäischen Philosophie im antiken Griechenland biszur Gegenwart Man muss sich also gerne mit philosophischen Texten beschäftigen. Oie Herausforderung dabei sind die häufig sehr schwierigen Argumentationsstrukturen solcher Texte. Voraussetzung für eine solche Beschäftigung ist daher die Fähigkeit abstrakt und logisch zu denken. Logisch, das ist ein gutes Stichwort Zu den wichtigsten Instrumenten unseres Fachs gehört nämlich die Logik. Sie untersucht die innere Folgerichtigkeit von Argumenten, einmal ganz abgesehen vom Inhalt dieser Argumente. Die Logik gehört zu den Sieben Freien Künsten; im Mittelalter bildeten diese das Grundstudium an den Universitäten. Zu ihnen zählt man unter anderen auch die Rhetorik und die Grammatik. Der römische Philosoph Seneca meinte im ersten nachchristlichen Jahrhundert, dass die freien Künste so genannt würden, weil sie eines freien Menschen würdig seien. Darin erkenne ich eine erste wichtige Kompetenz, die wir in unserem Studium erwerben können, nämlich die Fähigkeit zu freiem Denken. Indem wir lernen, Argumentationsstrukturen kritisch zu analysieren, lernen wir auch, Zusammenhänge zu erkennen und Widersprüche aufzuzeigen, und zwar frei von gewohnheitsmäßigen, ideologischen oder religiösen Denkmustern.
Diese Fähigkeit ist für mich eine grundlegende Eigenschaft jedes Wissenschaftlers, egal welcher Fachrichtung. Und damit komme ich auch gleich zu einer häufig geäußerten Kritik : D1e Philosophie sei keine Wissenschaft. Ganz i m Gegenteil: Die Philosophie steht am Beginn jeder Wissenschaft, jeder rationalen Auseinandersetzung mit der Weit Denn die Philosophen waren die ersten, die sich nicht mehr damit begnügten, in den Phänomenen der Weit die Taten von Göttern zu sehen, sondern versuchten, darin bestimmte Gesetze und Mechanismen zu erkennen. Sie fragten nach den Voraussetzungen und den Bedingungen der Weit und unserer eigenen Existenz. Freilich, eine exakte Wissenschaft im Sinne der Naturwissenschaften ist Philosophiemscht denn dazu fehlt uns ein wichtiges Element: das Experiment. Wir können unsere Theorien nicht durch Versuche beweisen oder widerlegen. Unsere Hypothesen stellen sich nicht wie es der Astrophysiker - und Philosoph - Harald Lesch einmal so anschaulich formulierte, ,der Guillotine des Experiments“, an dem sie scheitern oder Bestand haben. Die Guillotine unserer Theorien ist die Logik. Und ohne logisches Denken kommt auch keine exakte Wissenschaft aus. Wissenschaft an sich ist übrigens Gegenstand eines eigenen Teil bereichs der Philosophie, nämlich der Wissenschaftstheorie, auch theoretische Wissenschaftsphilosophie oder Wissenschaftslehre genannt. Dieses Teilgebiet beschäftigt sich mit den Voraussetzungen, Methoden und Zielen von Wissenschaft an sich. Sie stellt zum Beispiel Fragen wie: ,Welche Eigenschaften hat wissenschaftliche Erkenntnis?’ oder ,Durch welche Methoden gelangt man zu wissenschaftlicher Erkenntnis?“ Hier blicken wir - zur Abwechslung einmal, möchte ich fast sagen - sozusagen von oben auf die exakten Wissenschaften herab. Wie ihr sehen könnt haben einzelne Disziplinen unseres Fachs zum Teil theoretischen Charakter. Hier setzt auch eine häufig formulierte Kritik, oder vielmehr ein Vorurteil, an: Wir seien weltfremde Spinner, die sich im Elfenbeinturm an Gedankengebäuden erfreuten, die für die Weit da draußen nicht sonderlich bedeutsam seien. Doch wir beschäftigen uns durchaus mit gesellschafthct. relevanten Fragen, zum Beispiel mit Medizin- oder Umweltethik im Ubrigen ist kritisches Hinterfragen von Vorstellungen, Ideen oder Gedankengebäuden heute wohl wichtiger und relevanter denn je. Wie dem auch sei, genug der Theorie. Waserwartet euch also konkret in einem Philosophiestudium? Im Allgemeinen stehen am Beginn, nach einer allgemeinen Einführung in die Philosophie, Logik und Argumentationstheorie. Darauf folgt die Theoretische Philosophie. Das ist, einfach ausgedrückt, der Bereich der Philosophie, bei dem es um das Verstehen der Existenz geht. in der Praktischen Philosophie geht es dann um Ethik und um die Beschäftigung m1t eigenen Teilbereichen der Philosophie.
Dazu gehören zum Beispiel die schon erwähnte Wissenschaftstheorie, die Sozial- und Rechtsphilosophie, die Sprachphilosophie oder die Kulturphilosophie. Im Einzelnen beschäftigt 1hr euch mit den Fragestellungen bedeutender klassischer und zeitgenössischer Philosophen. Sie werden in den Seminaren erörtert und reflektiert. Ein bedeutender Teil eures Studiums besteht dabei in der Vorbereitung auf diese Veranstaltungen, denn es wird erwartet dass man die betreffenden Texte vorher liest und bereits selbst analysiert Dazu kommt natürlich die Fachliteratur. Apropos Fachliteratur: Englisch ist die vorherrschende Sprache der Wissenschaft, und ihr werdet euch in den Lehrveranstaltungen häufig mit englischen Texten beschäftigen müssen. Ohne gutes Englisch, zumindest passiv, werdet ihr es schwer haben. Aber das ist eigentlich erst die zweite sprachliche Voraussetzung. Die erste lautet: sichere Beherrschung von Deutsch in Wort und Schrift Das ist eine unverzichtbare Voraussetzung, nicht nur um die Texte zu verstehen, sondern auch, um eigene Gedanken präzise formulieren zu können. Manche Unis verlangen auch noch Latein, hier bei uns ist das nicht der Fall. Das ist ja alles schön und gut werdet ihr sagen, aber was fange ich nach dem Philosophiestudium an? Die Frage berührt ein anderes Vorurteil, dem wir häufig begegnen: Philosophie sei eine brotlose Kunst. Das stimmt so nicht. Es ist richtig, dass ein Philosophiestudium nicht auf einen konkreten Beruf vorbereitet so wie bei Medizin oder Jura Aber d1e Kompetenzen, die wir uns während unseres Studiums erarbeiten - die Fähigkeit zu klarer Analyse, zur Verschriftlichung komplexer Gedanken, zu logischer Argumentation - all das verschafft uns viele Vorteile am Arbeitsmarkt Zu den Branchen, in denen wir äußerst willkommen sind, gehören das Medien- und Verlagswesen, das Beratungs- und das Bibliothekswesen. Wegen unserer analytischen Fähigkeiten sind wir sogar bei Banken gefragt. Neben diesen fachfremden beruflichen Tätigkeiten besteht natürlich auch die Möglichkeit, im Bildungsbereich, also in der Hochschulforschung oder in der Lehre, zu arbeiten. Nach diesem Studium ist die berufliche Karriere offen - und das entspricht ja auch irgendwie einer anderen Kompetenz, die wir uns während des Studiums aneignen und die für mich besonders wichtig ist, nämlich Offenheit gegenüber ungelösten Fragen. Damit hoffe ich, dass ich bei einigen von euch die Lust aufs Philosophieren wecken konnte. Mir jedenfalls ist die Freude daran noch lange nicht vergangen! Wenn ihr noch Fragen habt oder Informationsmaterial möchtet, erwarte ich euch gerne drüben am Infostand. Vielen Dank!